Rittertuniere

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"Aufgrund ihrer Popularität und weil sie Sammelpunkte für Ritter aus allen Himmelsrichtungen waren, trugen die Turniere in starken Masse dazu bei, Normen und Rituale des europäischen Rittertums zu verbreiten. ... Die Geschichte des Turniers setzt in der gleichen Periode ein, in der auch die Konzeption des Rittertums und die Aufnahmezeremonien in den Ritterstand deutlichere Konturen anzunehmen beginnen -in den hundert Jahren zwischen der Mitte des 11. und der Mitte des 12. Jahrhunderts. ... Obwohl eine ungesicherte Überlieferung die >Erfindung< des Turniers dem 1066 getöteten angiovinischen Ritter Geoffroy de Preuilly zuschreibt, hören wir von Turnieren bis ungefähr 1100 nicht viel, und sie erscheinen auch nicht in den frühen chansons de geste." Die ersten Turniere, die überliefert wurden, fanden im Jahre 1127 in der Normandie in Frankreich statt. Auch in Würzburg fand 1127 ein Turnier statt. "Turniere hatten für die Ritterschaft die gleiche integrative Funktion in der Konstituierung des Rittertums als Orden wie die christliche Berufung, die diese Tradition stolz für sich in Anspruch nahm. ... Dass es der Kirche nicht gelang, die Ritterschaft davon zu überzeugen, ihre Sichtweise sei unangemessen und fehlgeleitet, demonstriert das Vertrauen der Ritterschaft auf ihre eigenen Wege, auf die eigenen Traditionen und auf ihre eigene unabhängige Weise, Gott zu dienen. ... Dass viele Ritter die Lektionen des Turniers nicht verstanden oder vergessen hatten, versteht sich von selbst. ...

 

 

 

 

 

 

Vom ritterlichen Turnier im Mittelalter


Sprachliche Betrachtung:


Das Wort "Turnier" lässt sich zurückführen auf das altfranzösische Wort "tornoi", was soviel heißt wie "Drehung" oder "Wendung". Im Deutschen taucht dieses Wort erstmals im 12. Jahrhundet auf (mhd, "turnei", etc.) und bezeichnet zunächst das Kampfspiel sowie auch den realen Kampf. Die heutige Bedeutung als Oberbegriff für das Ritter-Turnier hat das Wort seit Ende des 15. Jahrhundets. Bis dahin unterschied man auch im Sprachgebrauch verschiedene Formen des Turniers...

 


Die Panzerreiter des Hochmittelalters:


Neben den Fußtruppen spielten bereits in der Antike berittene Truppen eine wichtige Rolle. Sie wurden, zunächst leicht bewaffnet, als Unterstützung eingesetzt. Mit Beginn des Mittelalters trat der berittene Kämpfer immer mehr in den Vordergrund und bildete bald die wichtigste Einheit im Heer. Mit Ihr wandelte sich die Taktik zum geschlossenen Sturmangriff im Verband.
Die Absicht war nun, die gegnerische Linie mit einem einzigen massiven Angriff gepanzerter Reiterei zu durchbrechen. Die Voraussetzung für den Erfolg war aber das perfekte Zusammenspiel:
Vor dem Auftreffen musste eine möglichst enge Formation gehalten werden, um die Kräfte zu konzentrieren. Das Ziel war es, gemeinsam auf den Feind zu treffen. Einzelaktionen hätten kaum Aussicht auf Erfolg gehabt und wurden meist streng bestraft.
Nach dem Durchbruch waren die Reiter verwundbar, da sie nun ihre Formation aufgegeben hatten. Da ein einzelner Reiter in den gegnerischen Reihen keine Chance hatte, war es nun lebenswichtig, so schnell wie möglich zu wenden und sich in der Formation neu zu sammeln. Als Orientierung diente dem Einzelnen das Banner des eigenen Verbandes, welches in der Regel besonders bewacht und verteidigt wurde. Wenn das Banner "fiel", signalisierte dies dem Reiter, dass sein Verband zerschlagen war. Er hatte nun die Anweisung sich zum nächsten Banner zu begeben, um sich dort wieder in eine Formation einzugliedern.
Es war selbst dem Verwundeten untersagt, sich vom Kampf zu entfernen, solange noch ein Banner zu sehen war. Erst wenn alle Banner gefallen waren, durfte man sich selbst retten. Diese Regularien, welche unter anderem aus den Kreuzzügen überliefert sind, zeigen, wie wichtig es für den Reiter war, ausschließlich in der Formation zu kämpfen.

      

Das "Kampfspiel" als Training für die Schlacht:


Um dies ständig zu üben hielt man regelmäßig "Kampf-Spiele" ab. Hier unterschied man zunächst drei Varianten:
Beim "Buhurt" wurde in zwei Mannschaften reiterliches Geschick trainiert. Bewaffnung gab es entweder keine oder hölzerne Waffen. Einen fließenden Übergang hierzu bildet das
"Turnier": Hier trainierte man den Sturmangriff im Verband. Hier wurden zwei Gruppen gebildet, welche unter schlachtähnlichen Bedingungen gegeneinander antraten. Bis zum Hochmittelalter war es auch üblich, zusätzlich Fußtruppen einzusetzen.
Wie die Herkunft des Wortes schon zeigt, wird beim Turnier vor allem trainiert, sich im Verband zu bewegen und zu kämpfen. Das heißt z.B. auch nach dem Aufprall schnell zu wenden und sich neu im eignen Verband zu ordnen, um wieder anzugreifen. Die Parallelen zur Schlacht mit Panzerreitern sind hier gut zu sehen.
Der "Tjost" beschrieb das bekannte Lanzenstechen, bei welchem zwei Ritter gegeneinander antraten.
Die Ritter versuchten mit stumpfen (Stechen) oder scharfen (Rennen) Lanzen den Gegner aus dem Sattel zu stoßen. Nicht selten landeten beide Kontrahenten auf dem Boden. Alternativ oder zusätzlich wurde der Zweikampf mit anderen Waffen (Schwert oder Hiebwaffen) ausgetragen.
Der Kämpfer hatte hier neben der Übung vor allem die Chance, sein Können vor Zeugen unter Beweis zu stellen und sich zu präsentieren. Gegenüber dem realen Kampf wird das Turnier durch seinen friedlichen Charakter bestimmt. Es gehört nicht in den Krieg, sondern in die Zeit des Friedens und hat ein festes Reglement.


Die ritterliche Rüstkammer:


Die Bewaffnung orientierte sich zunächst an den auf dem Schlachtfeld üblichen Waffen, wie der Lanze (anfänglich einfach ein Stoßspeer), dem Schwert und diversen Hieb- und Kettenwaffen, wie dem Morgenstern, dem Streitkolben, etc. Zunächst wurden "scharfe" Waffen eingesetzt, was eine erhebliche Anzahl von Verletzten und Toten zur Folge hatte. Vor allem die Turniergänge glichen oftmals mehr einem Gemetzel als einer Übung. Somit ging man bald dazu über, stumpfe Waffen zu verwenden - bis hin zu speziellen Turnierwaffen. Die Lanze übrigens, wie wir sie heute kennen gab es erst relativ spät. Zwar wurde die Länge von über drei Metern bald erreicht, doch fehlte noch bis ins 13. Jh. der bekannte Handschutz.
Auch die Rüstung war zunächst die gleiche, wie auf dem Schlachtfeld. Der Kopf wurde geschützt durch einen Helm, welcher auch das Gesicht verdeckte und bald in der Form des Topfhelmes auf den Schultern aufsaß. Später entwickelte man spezielle Turnierhelme, welche mit dem Brustharnisch fest verschraubt waren. Den Rumpf schützte man durch Wattiertes, Kettenpanzer, oder Schuppenpanzer. Bei der späteren Plattenrüstung begann man schnell zwischen Turnierrüstung und Schlachtrüstung zu unterscheiden. Im Turnier (vor allem dem Tjost) musste der Kämpfer nicht so beweglich sein. Er konnte bei der Wahl der Rüstung (buchstäblich) mehr Gewicht auf die Panzerung, speziell gegen Lanzenstiche legen. Es entstanden hier mit der Zeit wahre Meisterstücke, welche die gegnerische Lanze perfekt abgleiten ließen. Somit ging die hauptsächliche Gefahr nicht mehr vom Gegner aus, sondern von der Hitze und einem evtl. Sturz vom Pferd. - Wir alle kennen aus dem Spätmittelalter das Bild vom Ritter in voller Gestechrüstung, welcher sich per Flaschenzug aufs Pferd hiefen ließ...
Das Pferd hat natürlich auch einige Veränderungen durchgemacht. Das mittelalterliche Schlachtroß musste für die Schlacht trainiert werden: Es durfte nicht scheuen und etwa durch zu lautes Schlachtgetümmel in Panik geraten. Mit der Weiterentwicklung der Rüstung wurde das Pferd geradezu ein Lastentier, ohne dass die Schnelligkeit darunter leiden durfte. Je schwerer der Ritter gerüstet war, desto hilfloser war er, wenn er zu Boden ging. Dementsprechend wurde Wert auf die Dressur gelegt, damit das Pferd in jeder Situation die Ruhe bewahrte. Um das Pferd zu schützen entwarf man mit der Zeit Plattenrüstungen, welche zumindest Kopf und Hals - oftmals auch teile des Rumpfes - schützten.


Stellung der Kirche zum Turnier:


Die Kirche stand dem Turnier bald recht ablehnend gegenüber und versuchte seit ca. 1070 durch Verbote und div. Strafandrohungen (Exkommunikation) immer wieder diesen "Sport" zu verhindern.
Zum einen liegt es nahe, den Grund in den vielen Todesfällen zu suchen. Ein weiterer Grund könnte jedoch die prinzipielle Abneigung der Kirche gegen die Lebensart der Ritter sein. Die ritterlichen Tugenden waren in den Augen der Kirche Sünden, da sie zum sündhaften Leben verleiteten. Das Turnier war jedoch das Feld, auf dem diese ritterliche Lebensweise exzessiv zur Geltung kam und nach den Vorwürfen der Kirche ausschließlich der Selbstverherrlichung diente. Dies mochte im biblischen Sinne zu verurteilen sein, doch für den (hoch)mittelalterlichen Menschen war dies nicht der einzige Grund: Der Humanismus hat erst im 14. Jahrhundert allmählich Einzug in die Köpfe der Menschen genommen. Bis dahin traf wohl jede Form der Selbstdarstellung auf Unverständnis oder gar Ablehnung (außer in der Form der Herrschaftsausübung natürlich). Das einzige Positive am Turnier sah die Kirche in der Übung, da der Ritter auch Verteidiger des Glaubens war.



Das Turnier als höfisches Fest:


Noch im 11. Jahrhundert berichten die Quellen recht selten von Reiter- oder Kampfspielen. Seit der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts nimmt dies stark zu. Ein Wendepunkt scheint hier der Mainzer Hoftag (1184) zu sein: Der Mittelpunkt des Festes war die Schwertleite von König Heinrich und Herzog von Schwaben, was dem Fest einen ritterlichen Schwerpunkt gab. Dementsprechend wurde ein zwei Tage dauerndes Reiterspiel abgehalten, welches an ein Buhurt erinnert. Des weiteren sollte ein Turnier abgehalten werden, welches lediglich aus Witterungsgründen ausgesetzt wurde. Doch die Wirkung muss enorm gewesen sein, denn zum ersten Mal wurde ein Turnier vom Kaiser selbst geplant. Als Folge nimmt das Turnier sehr bald Einzug an die Königs- und Fürstenhöfe und wird auf diese Weise prägender Teil der höfischen Feste. In diesem Atemzug beginnt auch die Dame am Hof beim Turnier eine wichtige Rolle zu spielen. Das Turnier ist nun der Schauplatz, an welchem der Ritter sein Können unter Beweis stellen und vor allem Ruhm ernten kann. Somit wird das Turnier zu einem der wichtigste Prestige-Ereignisse im Leben des Ritters.
Im Spätmittelalter, mit dem Aufkommen der Schusswaffen (Langbogen und Pulverwaffen) wird der Ritter als Einheit in der Schlacht immer mehr in Frage gestellt. In dieser Zeit wird das Turnier die einzige und letzte Möglichkeit, die Ritterlichkeit zu zeigen - und auch zu legitimieren. Das Turnier (in dieser Zeit bereits als Oberbegriff zu verstehen) wird somit zur 'Ersatzschlacht', was sich auch an der Entwicklung der Rüstung zeigt: Der schwer gepanzerte Reiter, den wir aus den Romanen und Filmen kennen, stammt aus dieser Zeit. Die Rüstungen waren perfekt auf das Tjosten (welches im Spätmittelalter dominierte) abgestimmt und bald für die "normale" Schlacht unbrauchbar.
Des weiteren wird das Turnier mehr und mehr eine Abgrenzungsmöglichkeit zum neuen Adel durch Diplom (seit Karl IV.). Durch die Gründung von Turniergesellschaften (14. Jh.) wird festgelegt, wer zur Teilnahme am Turnier berechtigt war: Die Ritterbürtigkeit musste bis in die vierte Generation nachgewiesen werden - somit entstand der neue Begriff des Turnieradels.

 



Das Turnier aus der heutigen Sicht:


Bei dem Wort "Ritterturnier" denken wir ausschließlich an das Tjosten in Plattenrüstung. Doch betrachten wir dabei eine Zeit, in welcher das Turnier seine ursprüngliche Bedeutung als Kampfübung nahezu verloren hatte. Es diente nur noch dem Ruhm und der Legitimierung eines überholten Kriegerstandes. Es war nur noch ein Feld der Selbstdarstellung und -behauptung, welches unsere Auffassung vom 'Ritter' bis heute beeinflusst.
Der Ritter wird durch diese Maske als selbstverherrlichender Kämpfer gesehen, welcher weder fähig ist, sich unter- oder einzuordnen, noch Befehle zu befolgen und somit z.B. im Verband zu kämpfen.
Das Ritterturnier ist seit Beginn ein Bereich gewesen, in welchem der Ritter Gelegenheit hatte, sein Waffenhandwerk zu üben und seinen gesellschaftlichen Status zu festigen. Neben der zeitgenössischen Dichtung hat das Turnier maßgeblich zur Definition des Ritters und seiner Ideale beigetragen und diese bis heute lebendig gehalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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